65. Kristin Thielemann: Feedback, das voranbringt
Shownotes
Feedback kann aufbauen – oder entmutigen. In dieser Solo-Folge spricht Kristin Thielemann über die Kunst, Rückmeldungen so zu formulieren, dass sie wirklich weiterführen: ehrlich, respektvoll und motivierend. Anhand von Beispielen aus Wettbewerben, Prüfungen und eigener Jurytätigkeit zeigt sie, warum Feedback in der Musik oft so heikel ist – und wie es zu einem echten Lernmotor werden kann. Es geht um Atmosphäre, Sprache, Empathie und den entscheidenden Unterschied zwischen „Feedback“ und „Feedforward“. Denn Rückmeldung ist mehr als Bewertung – sie ist Begegnung, Inspiration und ein Moment des Wachstums für beide Seiten: für Lehrende wie Lernende.
Diese Podcastfolge ist entstanden im Auftrag der Landesdirektion der Deutschen und ladinischen Musikschule der Deutschen Bildungsdirektion der Autonomen Provinz Bozen Südtirol.
John Hattie und Helen Timperley: The Power of Feedback, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.3102/003465430298487
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden, https://www.schulz-von-thun.de/veroeffentlichungen/miteinander-reden
Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation, https://www.gfk-info.de/was-ist-gewaltfreie-kommunikation/
Sophie Klaus: Übe, was dir gelingt. Wie das richtige Feedback Lernprozesse beschleunigt, https://uebenundmusizieren.de/artikel/uebe-was-dir-gelingt/
E-Book zu dieser Podcast-Folge: https://l.ead.me/feedbackdasvoranbringt
Website des Verbands deutscher Musikschulen: www.musikschulen.de
Website von Kristin Thielemann: www.vollmotiviert.com
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Kristin Thielemann: "Komm wieder!" – wie ein Satz alles verändern kann. Kürzlich war ich mit meinem 10-jährigen Schüler Christian bei einem Wettbewerb. Es war Christians erster Wettbewerb und er hatte sich sehr beratungsresistent wirklich schwere Stücke zum Vorspielen herausgesucht. Aber er war in der Vorbereitungszeit extrem an seiner selbst gefundenen Aufgabe gewachsen. Trotzdem reichte es im Vergleich zu den anderen Teilnehmenden nicht für einen Platz ganz oben auf dem Treppchen, sondern er landete im unteren Mittelfeld. Wie ihm aber das anschließende tolle Feedback geholfen hat, seinen Weg weiter zu gehen, davon handelt diese Podcastfolge zum Schwerpunktthema Feedbackgespräche.
Trailer: Voll motiviert, der Musikpädagogik Podcast von Schott Music, dem Verband deutscher Musikschulen und Kristin Thielemann.
Kristin Thielemann: Diese Podcastfolge ist entstanden im Auftrag der Landesdirektion der Deutschen und Ladinischen Musikschule der Deutschen Bildungsdirektion der autonomen Provinz Bozen Südtirol. In unserer kleinen und doch so großen Musikwelt sitzen wir alle mal auf der einen und mal auf der anderen Seite. Einmal sind wir in der Jury und geben ein Feedback. Ein anderes Mal nehmen wir mit unseren Schülerinnen und Schülern an einem Wettbewerb und an einer Musikprüfung teil und bekommen ein Feedback für die Leistung unserer Schützlinge und somit eigentlich auch für unsere Leistung als Lehrkräfte. In dieser Podcastfolge wird es um beide Seiten gehen. Es geht darum, wie wir ein Feedback so gestalten können, dass es gut angenommen werden kann und uns weiterbringt. Aber auch, wie wir als Lehrkräfte mit unseren Schülerinnen und Schülern ein Feedback einordnen können. Ich habe euch Impulse aus Forschung und Wissenschaft zum Thema Kommunikation und Feedback zusammengestellt und diese auf unseren Musikpädagogikalltag übertragen. In dieser Podcastfolge dienen geglückte wie verunglückte Situationen als Beispiele, an denen sich viel Nützliches für uns ableiten lässt. Diese Folge ist kein dogmatisches "Nur so geht gutes Feedback", sondern ein Ideengeber mit möglichen Handlungsoptionen, die unsere ganz persönliche Toolbox des Feedbackgebens bereichern soll, aber auch so manchen Denkanstoß bereithält, wie wir Feedbacks so annehmen und einordnen, dass es uns und unsere Schülerinnen und Schüler weiterbringt. Ich wünsche euch viel Freude beim Anhören und danke Alexandra Pedretti von den Deutschen und Ladinischen Musikschulen der autonomen Provinz Bozen Südtirol für die Idee zu dieser Folge. Zurück zu meinem Schüler, dem 10-jährigen Christian.
Kristin Thielemann: Bereits vor dem Wettbewerb habe ich seine tollen Fortschritte und seine Entwicklung durch dieses große Ziel immer mal wieder zum Thema im Unterricht gemacht, weil es mir wichtig war, ihm zu zeigen: Mit Fleiß und Engagement kannst du dich echt entwickeln! Das ist ein richtig guter und sinnvoller Weg! Und diese Entwicklung motiviert dazu, weitere Fortschritte zu machen. Das Growth Mindset eben. Allerdings war ich nicht sicher, wie er ein Juryfeedback auffassen würde. Würde mein 10-jähriger mit den Worten der Jury umgehen können? Würde er sie als fair empfinden und würde auch für mich als Trompetenlehrerin etwas Nützliches dabei sein? Denn, was wohl viele von uns schon erlebt haben: Das Juryfeedback kann ein heikler Punkt werden und über Wohl und Weh entscheiden – von uns selbst, aber auch unseren Schülerinnen und Schülern. Schon einige Male habe ich ein ziemliches Drama mit Jurygesprächen in Musikprüfungen und Wettbewerben miterlebt. Sei es in der Rolle der Jurorin in einem Juryteam, wo ich den Eindruck hatte, dass das, was seitens meiner Jurykollegen formuliert wurde, überhaupt nicht ankam oder auch überhaupt nicht angenommen werden konnte. Aber auch in der Rolle als Lehrkraft, die Schülerinnen und Schüler in Feedbackgespräche begleitet und wo ich am Ende aus der Lobeslitanei der Jury nichts Brauchbares für den nächsten Lernschritt ableiten konnte. Das fühlt sich zwar im ersten Moment gut an, so schön gelobt zu werden, aber es ist wie ein schön verpacktes Geschenk, in dem am Ende nichts drin ist. Die Box ist leer und das ist echt schade, weil eine absolut vertane Chance für mich und den Schüler, die Schülerin eine wertvolle Außensicht zu bekommen.
Kristin Thielemann: Dann habe ich Feedbacks aber auch in der Rolle als Mutter erlebt, wo mein jüngerer Sohn nach einer Musikprüfung, in der er gut gespielt hatte, wie ich fand, ein für mich wirklich unfassbar schlechtes Feedback erhielt. Die feedbackgebende Expertin verbiss sich damals regelrecht in eine seiner Schwächen. Und so hängte mein Jüngster mit dem Tag dieser Musikprüfung sein Instrument für lange Zeit an den Nagel. Aber zurück zum Wettbewerbsfeedback, zu dem ich meinen 10-jährigen Schüler Christian begleitete. Gemeinsam betraten wir den großen Vorspielsaal, in dem zuvor der Wettbewerb stattgefunden hatte. Durch die vielen leeren Stuhlreihen liefen wir bis zum Jurytisch, hinter dem das Juryteam saß und uns erwartungsvoll anblickte. Einer der Juroren ergriff das Wort, gratulierte Christian zu seiner Leistung und fasste in langen Sätzen zusammen, was er sich notiert hatte. Ja, die Dynamik, die könnte noch plastischer herausgearbeitet werden, die Artikulation, die sei schon sehr differenziert zu hören gewesen. Und sehr positiv habe die Jury bemerkt, dass Christian mit dem Klavierbegleiter Blickkontakt gesucht und dass er das Zusammenspiel an einer Ritardandostelle gut gemeistert hatte. Christian rutschte währenddessen unruhig auf seinem Stuhl herum, blickte auf die vielen Unterlagen, die auf dem Tisch standen und nickte, wenn der Juror einen Satz beendet hatte. "Du machst das toll! Komm wieder!", ergänzte ein anderer Experte das Feedback des ersten Jurors. Wir bedanken uns und verließen den Saal.
Kristin Thielemann: Draußen angekommen war ich echt neugierig und ich fragte Christian, was er von dem Gespräch behalten habe: "Ich... ich mache das toll. Und der Mann hat gesagt: Komm wieder!" "Und jetzt?" fragte ich. "Ja, jetzt suchen wir neue Stücke aus. Und dann komme ich wieder zu diesem Wettbewerb!" Die Fachinformationen waren also untergegangen. Vermutlich, weil Christian zwar die Worte wie Artikulation und Riterdando kannte, sie ihm aber nicht so geläufig waren. Diese Informationen aus dem Feedbackgespräch waren eher für mich als Lehrkraft nützlich und hatten Christian verwirrt, weil er die Inhalte nicht verstehen konnte. Bei ihm blieb aber die generell positive Grundhaltung der Jury, die gute Stimmung des Gesprächs hängen. Und natürlich der einfache Satz "Komm wieder!". Eine wirklich gute Idee, mit so einem plakativen und zukunftsgerichteten Appell zu schließen, fand ich. Und ich habe mir vorgenommen, von nun an, auch wenn irgend möglich, mit solch einem knackigen, motivierenden Ausruf zu schließen. Warum ist Feedback in der Musik so heikel und gleichzeitig so entscheidend? Wir wissen alle: Die musikalische Entwicklung lebt von Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, vom Hinarbeiten auf etwas, das derzeit noch etwas größer ist als man selbst. Das macht Freude. Und es hat Bedeutung. Denn genau in solchen Momenten, in denen ein Ziel groß und bedeutsam erscheint, vielleicht sogar ein kleines bisschen zu groß, da beginnt echte Entwicklung nicht nur technisch, sondern auch persönlich. Musikalisches Wachstum, das wissen wir alle, die sehr gute Schülerinnen und Schüler haben, entsteht selten im bequemen Alltagstrott.
Kristin Thielemann: Es entfaltet sich dort, wo wir uns strecken müssen. Ein Feedback von externer Seite kann uns hier helfen, uns und unseren Schülern Wind in die Segel zu pusten, kann ermutigen, sich auf die Reise zur nächsten Etappe zu machen oder auch überhaupt aufzuzeigen, wohin die nächste Etappe gehen könnte. Aber ein Feedback kann eben auch genau das Gegenteil. Es kann uns die Motivation nehmen. Es kann ein heikler Punkt auf dem Lernweg sein, weil es für uns als Lehrkräfte nicht vorhersehbar ist, was in so einem Feedbackgespräch passiert. Und nicht selten kommen durch ein Feedback Dinge ans Licht, die uns im Unterrichtsalltag vielleicht durchgerutscht sind. Nicht aus bösem Willen, nicht aus Unvermögen, sondern weil wir eben zu dicht dran sind am Geschehen. Außerdem kennen wir unsere Schülerinnen und Schüler natürlich. Wir wissen, was sie an Rückmeldungen gut vertragen, aber auch, wo es ihnen wehtun könnte, wo ihre wunden Punkte sind. Das weiß eine Jury nicht und spricht daher natürlich deutlich ungefilterter zu Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Trotzdem ist eine Fremdwahrnehmung aus einem Juryfeedbackgespräch wertvoll, denn sie kann unseren Blick einmal in eine völlig andere Richtung lenken, uns blinde Flecken bewusst machen, stärken und neue Wege aufzeigen. Tipps zu musikalischen Entwicklungsmöglichkeiten geben. Hinweise von Kolleginnen und Kollegen eben. Das kann Gold wert sein. Denn uns alle eint doch das eine Ziel: Wir wollen die Welt der Musik an unsere Schülerinnen und Schüler weitergeben. Wir wollen junge Menschen voranbringen und wir freuen uns über motivierte Kinder und Jugendliche in unserem Unterricht.
Kristin Thielemann: Ein Feedback zeigt auf und verstärkt gleichzeitig. Und meistens geht es so tief unter die Haut, weil nach dem Vorspiel die ganze Spannung, vielleicht auch Anspannung von unseren Schülerinnen und Schülern, aber auch von uns als Lehrpersonen abfällt. Und auch, weil wir uns mit der Fremdbewertung durch andere so ausgeliefert fühlen. An der abfallenden Spannung oder Anspannung, an der Euphorie nach einem gelungenen Auftritt wollen wir gar nicht rütteln. Aber an dem Ausgeliefertsein durch eine Fremdbewertung, daran können wir etwas ändern. Wenn nämlich das Feedback nicht von oben herab geäußert ist, sondern in einem Gespräch auf Augenhöhe einfließt. Wenn die fremde Person uns durch diese Verbindung nicht mehr fremd vorkommt.
Kristin Thielemann: Die Atmosphäre beim Gespräch. Wer häufig selbst in Jurys gesessen hat oder auch selbst Feedbacks bekommen hat, der wird wissen: In der richtigen Atmosphäre kannst du als Jury fast alles sagen, in der falschen gehen selbst die wohlgemeintesten Worte ins Leere oder treffen dort, wo sie nie hin sollten. Aber wie kommt man denn nun zu solch einer Atmosphäre in einem Jurygespräch, die Augenhöhe ermöglicht? Natürlich haben wir nicht immer Einfluss auf die Vorspiel und Feedbackräume. Und wir wissen, in informellen Settings, also im Café beispielsweise oder bei einem kurzen Spaziergang, entsteht schneller eine gute Atmosphäre. Trotzdem können wir aber in der Rolle als Verantwortliche von Musikprüfungen oder auch als Jury einiges dafür tun, dass Kontakt und Verbindung entstehen können. Ich bin ja ein großer Fan davon, dass es keine Tische in einem Feedbackgespräch gibt, die die Feedbackgebenden, also uns die Jury vom Team, Lehrkraft, Schüler, Schülerin und manchmal auch den Eltern trennen.
Kristin Thielemann: So ein Tisch macht auch optisch eine Trennung sichtbar. Natürlich ist es praktisch, wenn wir als Jury oder Experten hier unsere Unterlagen ablegen können und auch etwas zu trinken greifbar haben. Gerade nach langen Jurierung ist das ja gar nicht so, ohne dass man sich auch kulinarisch im Wohlfühlbereich hält. Aber bitte nie vergessen: Die jungen Menschen, die haben ihren Auftritt vor uns bereits hinter sich und waren dabei auch möglicherweise nicht ganz im Wohlfühlbereich in ihrer Komfortzone. Der Juryauftritt, die Jurybühne ist das Feedbackgespräch. Junge Menschen haben lange für den Moment des Auftritts geübt. Der ist nun vorbei. Jetzt kommt unser Auftritt. Daher würde ich versuchen, mich im Juryfeedback immer wie auf einer Bühne zu benehmen. Etwas zu trinken und essen gibt es vorher oder nachher. Die Notizblätter, die halte ich in der Hand, möglichst wohlsortiert, so dass das Notizblatt mit den Angaben meiner Hauptperson, meinem manchmal noch sehr jungen gegenüber obenauf liegt und ich es nicht noch groß suchen muß, wenn das Kind oder der Jugendliche bereits im Raum ist. "Warte mal, wie heißt du noch mal? Wo ist denn jetzt bloß der richtige Zettel?" Nope, das muss vorher klar sein! Wenn ich suche und sortiere, während Lehrkraft und Schüler Schülerin schon vor mir sitzen, dann verschenke ich sehr wertvolle Momente, wo Verbindung entstehen kann, wo ich zulächeln kann, zeigen kann, dass ich mich übers Kommen freue, dass ich Wertschätzung entgegenbringe, dass ich dankbar bin, dieses Kind oder diesen Jugendlichen kennenzulernen und letztlich an dem Erlebten auch etwas für mich selbst lernen durfte.
Kristin Thielemann: Auch in Zeiten von Künstlicher Intelligenz dürfen wir nicht vergessen: Wenn Maschinen die besseren Maschinen werden, müssen wir Menschen die besseren Menschen werden. Daher können wir zeigen, dass wir die besseren Menschen sind, wenn wir auf Verbindung und Wertschätzung gehen und nicht nur maschinell die Punkte auflisten, die wir gehört haben und die uns positiv oder negativ in Erinnerung geblieben sind. Denn sonst wäre es doch über kurz oder lang wirklich fairer, ein KI-Feedback von einem Beitrag erstellen zu lassen: Neutral gegenüber Einflüssen, die uns beim Hören eines Beitrags blenden und mit den besten Formulierungen für alle Altersstufen ausgestattet. Das wollen wir nicht! Also gute Atmosphäre schaffen, echte Verbindung aufbauen durch das Signalisieren von Wertschätzung. Hierzu gehört für mich neben dem Schenken der Aufmerksamkeit vom ersten Moment an, wo die Gäste den Raum betreten, auch eine Herzlichkeit, dass sie sich bei unserer Kommunikation willkommen fühlen. Kommunikation, das geht übrigens auf das lateinische communis zurück. Communis – Gemeinschaft. Der Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat mal gesagt: Man kann nicht nicht kommunizieren mit allem, was wir tun, und zwar eben nicht nur mit Worten kommunizieren wir und schaffen Verbindung und Wertschätzung. Oder eben auch nicht. Ein Vorstellen im Feedbackgespräch gehört natürlich dazu, Ob da auf Jury oder Expertenseite sämtliche Titel und Errungenschaften des Berufslebens dazu passen, das muss jeder für sich entscheiden, ob man das für sich selbst benötigt.
Kristin Thielemann: In den meisten Fällen steht es ja auch im Wettbewerbsprogramm und man darf als junge, teilnehmende Person wohl davon ausgehen, dass einem hier musikalisch-künstlerische Kompetenz gegenübersitzt. Bei der eigenen Vorstellung zu sehr auszuholen, könnte mehr Distanz aufbauen, als uns in der Rolle als Feedbacksendende vielleicht lieb ist. Und um diese Distanz abzubauen, lasse ich mich in der Tat auch sehr häufig duzen in Feedbackgesprächen. Wozu ich diese ersten Momente im Juryfeedback immer versuche zu nutzen, ist herauszubekommen, wie mein Gegenüber spricht und wirkt, also welche Worte ich nutzen könnte, um verstanden zu werden. Ist es ein Kind, was noch sehr kindliche und einfache Sprache benutzt? Oder schon ein junger Mensch, der bereits eloquent wirkt und daher vermutlich auch mehr versteht, wenn ich mich in meiner "normalen Erwachsenensprache" ausdrücke. Denn klar ist: Ein Feedback kann nur wirken, wenn es auch verstanden wird. Wenn mein Schüler vielleicht Fachausdrücke wie Phrasierung, Artikulation und Dynamik eigentlich versteht, sie aber nicht zu seiner Alltagssprache gehören, dann tue ich natürlich gut daran, diese Sachen in einfacher Sprache zu erklären. Gerade das will ja auch geübt sein. Hier hilft ein Versuch in der KI-Welt, wenn wir einmal ein normales Feedback mit musikalischen Fachbegriffen eintippen und dann prompten, dies einmal in einfache Sprache zu übersetzen, die auch ein Kind versteht, dann kann man ein gutes Gespür dafür bekommen, wie es sich mit jungen Menschen zu sprechen lohnt.
Kristin Thielemann: Schon von einer Ritardandostelle zu sprechen, kann für Kinder unverständlich sein. Selbst wenn ein sauberes Ritardando ausgeführt wurde, weil eine solche Musikprüfung oder ein Wettbewerb für ein Kind Stress darstellt und wie in stressigen Situationen Begriffe, die für uns nicht zu unserem alltäglichen Sprachgebrauch gehören, schlechter verstehen. Es gibt eine sehr spannende Untersuchung, das ungewohnte oder selten genutzte Begriffe, die kognitive Last erhöhen und unter Stress das Verstehen dieser noch schwieriger wird. Und eine weitere Studie, die Cognitive Load Theory, die gezeigt hat, dass Lernen und Verstehen leidet, wenn zusätzliche Belastung zum Beispiel durch fachsprachliche Ausdrücke, die nicht automatisiert sind, die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses leidet, also am Ende weniger verstanden wird und das Stressempfinden höher ist. Meist habe ich als Jury ja die Noten gesehen oder sogar vorliegen und kann in einfachen Worten formulieren: Schau mal dort am Ende der Zeile, wo du langsamer geworden bist. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen, weil wir alle bemerkt haben, dass du dir sehr viel Mühe dabei gibst, genauso zu spielen, wie der Komponist es sich für seine Musik gewünscht hat. Weil gerade in einer Stresssituation wie einem Feedbackgespräch schnell nicht verstanden wird, ob etwas positiv hervorgehoben wird, habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, durch kurze Worte wie toll, super, genauso gut gemacht, die ich hinter einen Satz hänge. Oder auch durch das Zeigen eines Daumenhochs oder eines Zunickens einfach ganz klar zu stellen, dass etwas sehr positiv war. Deshalb ein Schlüssel zu guter Atmosphäre ist, auch wenn ich gut verstanden werde als Jury. Eine schöne Atmosphäre zu Beginn eines Jurygesprächs entsteht auch schnell, wenn man als Jury oder Expertengremium kurz aufsteht, um die Gäste zu begrüßen und einfach ein wenig locker unter Kollegen plaudert, weil man sich vielleicht schon von irgendwoher kennt.
Kristin Thielemann: Oder weil man die Lehrkraft fragt, woher sie kommt, wo sie studiert hat, arbeitet, weil man Gemeinsamkeiten findet. Und manchmal kann es auch ganz hilfreich sein, wenn der Schüler die Schülerin hier noch gar nicht allzu sehr im Zentrum steht, sondern einfach nur ankommen kann im Raum und erlebt, dass sich die Lehrkraft wohlfühlt und lockerer wird. "So, und jetzt kommen wir mal zu unserer Hauptperson, dem Tim!" Und dann kann man sich setzen. Für mich idealerweise auf Stühle, die in einem Kreis stehen und nicht allzu weit auseinander sind. Verbindend statt trennend eben. Körpersprache bei der Jury locker, auch wenn die überschlagenen Beine mit Papieren auf den Knien natürlich etwas bequemer sind, einfach nichts zu verbergen haben, mit seiner Haltung, Offenheit und Freundlichkeit signalisieren. Das sind die kleinen Dinge im Drumherum, die schon echt viel Gutes bewirken können. In Dialog kommen. Ein kurzer Ausflug zu den Auftrittsängsten. Bleiben wir noch bei der Atmosphäre, aber neben den Dialog hinzu. Nicht allen, die in einen Jury Feedback kommen, ist klar, dass ein Feedback keine Einbahnstraße ist: Jury spricht, Kandidat / Kandidatin empfängt. Sondern dass es ein Plus ist, wenn man miteinander ins Gespräch kommt – ins Fachgespräch. Ob es zum Ins Gespräch kommen hilft, wenn man damit eröffnet, wie sich unser junges Gegenüber fühlt, ob er oder sie aufgeregt war,
Kristin Thielemann: das muss man situationsabhängig für sich selbst entscheiden. Wir sollten uns jedoch dessen bewusst sein. Wenn wir danach fragen, ob jemand aufgeregt war, dann könnte das durchaus als Vorwurf rüberkommen und eigentlich als Rückmeldung von uns: "Na, was du aufgeregt? Hattest du etwa dein Lampenfieber nicht im Griff?" Dann wird außerdem ein Lampenfieber als etwas Negatives geframt. Gleichwohl es völlig normal ist, wenn man sich auf einer Bühne nicht fühlt wie daheim auf dem Sofa beim Fernsehen. Es gibt wohl kaum jemand, der auf einer Bühne nicht dieses Kribbeln spürt, wenn es darum geht, eine für sich selbst vielleicht sogar sehr schwere Sache auf den Punkt abzuliefern. Was bei der Frage nach dem Aufgeregtsein auch rüberkommen könnte, ohne dass wir es beabsichtigen: "Du hattest Lampenfieber? Na, da hast du wohl nicht so richtig gut vorbereitet!" Das könnte rüberkommen, muss aber nicht. Wenn ich einen Schüler oder eine Schülerin im Feedback habe, wo ich den Eindruck habe, dass ein paar Tipps in Sachen Auftrittsangst oder Lampenfieber hilfreich sein könnten, dann positioniere ich diesen Abschnitt ganz sicher weiter hinten im Gespräch, wenn mein junges Gegenüber schon Vertrauen in mich und meine Worte gefasst hat. Lampenfieber ist ein wirklich sehr persönliches psychologisches Problem und nicht etwas rein technisch-fachlich Musikalisches, was sich mit ein paar guten Hinweisen oder Ratschlägen beheben lässt. Gerade deshalb ist es entscheidend, Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass ihre Emotionen zwar ernst genommen werden und sie mit ihrer Aufregung eben nicht alleine dastehen oder gar etwas "falsch machen". Aber das eben ihre Gefühle in dieser Situation nicht von Fremden –
Kristin Thielemann: und als Jury bin ich nun mal in den meisten Fällen eine fremde Person – dass ihre Gefühle nicht auf dem Silbertablett seziert werden, von mir, von der Fremden. Gerade aufgeregt sein, Lampenfieber oder Auftrittsängste anzusprechen, kann also ein heikler Punkt sein, den ich im Zweifel eher weglassen würde, als diese Ängste mit einigen missglückten Hinweisen sogar noch zu verstärken. Wenn im Gespräch rüberkommt, dass eine Leistung nicht optimal geglückt ist, weil es Lampenfieber gab, kann das sogar höchst problematisch sein und ein übermäßiges Aufgeregtsein verstärken. Dann gibt es die Angst vor der Angst: "Hoffentlich werde ich beim nächsten Vorspielen nicht aufgeregt sein, dann ist alles aus. Dann kann ich meine volle Leistung nicht abrufen und ich falle vielleicht wieder durch die Musikprüfung. Oder ich bekomme eben nicht so einen tollen Preis beim Wettbewerb, wie ich ihn eigentlich verdient hätte. Was wird denn dann meine Musiklehrerin, mein Musiklehrer denken? Was sagen meine Eltern, Was sagen meine Freunde dazu?" Dieses Gedankenkarusell könnte dann angehen und das würden wir natürlich gerne vermeiden. Wir möchten als Jury absolut nicht, dass sowas passiert, denn wir wissen ja im besten Fall, dass es wichtig ist, mit den richtigen Gedanken mental gestärkt eine Bühne zu betreten und unser Bauchkribbeln, unsere Energie, die wir in dieser Situation spüren, in schöne Musik zu verwandeln,
Kristin Thielemann: diese Energie, die wir spüren, aufs Publikum zu übertragen. Wir Profimusiker innen und Musiker haben oft die Erfahrung gemacht, dass es sich auf einer Bühne natürlich nicht anfühlt, als würden wir daheim entspannt auf dem Sofa sitzen oder mit Freunden im Café. Aber wir wissen auch, wie großartig sich diese besondere Energie da oben anfühlen kann. Als Bühnenkünstlerinnen und -künstler haben wir für uns selbst eine Haltung gefunden mit den Möglichkeiten, die eine Bühne, eine Live-Leistungserbringung vor Publikum nun einmal mit sich bringt: Die Möglichkeit, dass es auch schiefgehen könnte. Die Option des Scheiterns, die in dieser Situation steckt, beflügelt uns sowohl im Vorfeld als auch in der Situation selbst. Und wir müssen lernen, auf uns selbst und diese gelingenden Situationen zu vertrauen. Auf dem Eingang zu Wimbledon steht ein Zitat des britischen Schriftstellers Joseph Kipling: If you can medwiss triumph and disaster and treat those who imposters just the same. Genau das ist doch die Essenz vom Auftritt und Wettbewerb: beide Seiten, Erfolg und Scheitern, gehören dazu. Und wenn wir das akzeptieren können, dann kann die Bühne zu einem Ort der Freiheit werden und nicht der Angst. Da es aber in unserer Gesellschaft nicht en vogue ist, zu scheitern, da wir sehr häufig mehr Erfolgsgeschichten als Momente des Scheiterns gezeigt bekommen, haben wir für das Scheitern auch nur wenig gute Handlungsoptionen kennengelernt. Wir haben noch gar nicht erfahren, welches Potenzial darin steckt und wie positiv es sein kann, auch einmal zu scheitern.
Kristin Thielemann: J.K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, hat einmal gesagt: Ohne Misserfolge zu leben, ist unmöglich. Es braucht Misserfolge und es braucht auch ein Scheitern, was nicht als dramatisch erlebt wird, sondern als Chance oder Hinweis darauf begriffen wird, dass sich etwas noch entwickeln darf. In dem Umgang mit Scheitern, mit unseren eigenen Fehlern und Missgeschicken, vor allem auch im Unterricht mit unseren Schülerinnen und Schülern liegt enormes Potenzial, damit junge Menschen selbst eine gesunde Haltung für den Umgang mit Scheitern entwickeln können. Wir müssen hier eine gute Mitte finden zwischen übersteigertem Perfektionismus – Scheitern ist eine Katastrophe, fehler sind ganz schlimm – auf der einen Seite und Gleichgültigkeit – ist mir total egal, wenn es nicht klappt. Übersteigerter Perfektionismus macht Angst davor, etwas zu wagen, hindert uns am Fortschritt und kann jede Motivation zum Erliegen bringen. Aber genauso lähmt uns Gleichgültigkeit, weil sie dazu führt, dass wir überhaupt keine Motivation entwickeln, unser Potenzial zu nutzen. Die gesunde Mitte liegt zwischen übertriebenem Perfektionismus und kompletter Gleichgültigkeit engagiert und bereit, sich der Herausforderung zu stellen. Aber mit dem Wissen, dass ein Stolpern, ein Scheitern nicht das Ende sein muss, sondern dazugehört zu einem ganz normalen Weg.
Kristin Thielemann: Alles Leistung, oder was? Wenn es uns in der Rolle als Lehrer, Lehrerin, aber auch als Eltern gelingt, dass wir Leistung nicht mit Liebe verwechseln, können wir jungen Menschen sehr viel damit helfen. Denn oft ist es so, das klingt jetzt alles vielleicht ein bisschen verschroben, aber es ist doch so, dass junge Menschen im Laufe ihrer Schulzeit häufig spüren: Bring eine hohe Leistung und du bekommst positive Aufmerksamkeit.
Kristin Thielemann: Toll, das kannst du schon? Ist ja super! Eine gute Note in der Prüfung oder im Zeugnis? Super, So muss das. Ich wusste das, dass du es kannst. Eine schlechte Note, eine schlechte Leistung? Vergessen wir schnell. Sprechen wir doch nicht mehr drüber. Beim nächsten Mal wird es schon wieder besser werden. Diese Haltung kann problematisch werden, wenn wir Leistung mit Aufmerksamkeit, im übersteigerten Fall sogar mit Zuwendung oder Liebe verknüpfen. Junge Menschen sollten sich unser Wertschätzung immer sicher sein, egal ob für eine gute oder für eine schlechte Leistung. Auch das kann maßgeblich dazu beitragen, eben nicht vor lauter Lampenfieber oder Auftrittsangst bei einem Wettbewerb zu vergehen. Gerade über Leistung und auch über Auftrittsängste und Lampenfieber könnte noch viel gesagt werden. Und vertieft darüber gesprochen werden können wir auch gerne tun – denn dafür gibt es schließlich Fortbildungen. Vielleicht sehen wir uns ja dort. Es würde mich sehr freuen!
Kristin Thielemann: Von ungefiltert bis Lobeshymne. Der Einstieg ins Feedbackgespräch. Aber wenn wir nicht mit einer Frage oder Suggestivfrage nach Auftrittsängsten ins Gespräch einsteigen, wie könnten wir denn dann ein richtig gutes Jurygespräch eröffnen? Ich versuche den Schüler oder die Schülerin meist schon ein bisschen ins Plaudern zu verwickeln, während die Begrüßung läuft. Dann lässt es sich oft ganz geschickt in den Anfang des Feedbacks überleiten. Wichtig ist mir, bei einem Feedback immer zu betonen, dass wir eine Momentaufnahme der Leistung gesehen haben, also einen wirklich kleinen Ausschnitt, der uns als Jury und jetzt füge ich etwas Positives hinterher, wenn es irgendwas gibt, was ich anfügen lässt, also beispielsweise, dass es eine Momentaufnahme der Leistung war, die uns sehr beeindruckt hat, sehr berührt hat, mitgerissen hat, fast auf den Stühlen hat tanzen lassen, gezeigt hat, was du bereits schon alles auf deiner Trompete drauf hast oder wie schön du bereits musizieren kannst.
Kristin Thielemann: Und jetzt muss wirklich gut abgewogen werden, ob wir als Jury wirklich alles ungefiltert sagen möchten, was uns positiv wie negativ aufgefallen ist. Ich finde es beim Feedback immer sehr geschickt, mit den Stärken zu beginnen und zwar mit den verborgenen Stärken. Denn oft nehmen wir selbst in der Rolle als musizierende Person auf der Bühne manche Dinge für so selbstverständlich, dass sie uns eben nicht mehr auffallen. Dabei liegt ganz großes Potenzial darin, wenn wir es schaffen, jungen Menschen ihre Stärken bewusst zu machen. Daher ist eine Frage, die man sich in jedem Beitrag, den man als Jury hört, stellen muss: Was ist das ganz besondere Geschenk, was dieser junge Mensch mitbringt? Vielleicht sind es ja sogar mehrere Geschenke? Vielleicht ist es ein beeindruckendes rythmisches Feeling, selbst wenn die Fähigkeit, sauber zu intonieren, möglicherweise noch extrem viel Potenzial hat – ihr versteht! Vielleicht ist es die Kunst, mit Musik zu berühren, besonders geduldig zu sein, besonders lange Linien zu spielen. Vielleicht war es die Fähigkeit, in einer besonders kniffligen Stelle einen kühlen Kopf zu bewahren und diese schwierige Passage gut über die Bühne zu bringen.
Kristin Thielemann: Wenn man sucht, dann findet man fast bei jedem Beitrag etwas, was so gelungen ist, dass man es als Jury hervorheben und verstärken kann: "Hey, diese Momente, wo du ein Crescendo spielst und dich dann da wirklich traust klanglich aufzumachen, laut zu spielen, die sind einfach genial. Bewahr dir das bitte unbedingt! Das sind echte Highlights in deinem Beitrag!"
Kristin Thielemann: Feedbackparameter.
Kristin Thielemann: Um eine gute Übersicht über das Können zu bekommen und mich nicht von etwas, was noch nicht gelingt, zu stark negativ blenden zu lassen, hilft es mir, wenn ich während des Zuhörens bei einem Beitrag schnell ein paar Dinge abklopfe. Dazu schreibe ich mir meist bis zu acht Säulen mit Parametern des gehörten nebeneinander auf und Fülle beim Hören aus dem Bauch heraus aus, was schon gut gelingt und wo jemand noch nicht so stark ist. Das Ganze natürlich immer im Kontext dessen, was man in einem bestimmten Alter erwarten darf. Diese Parameter möchte ich euch kurz vorstellen. Ihr findet sie aber auch in dem E-Book zu dieser Podcastfolge. Es sind acht Stück.
Kristin Thielemann: Da ist erstens die Technik. Also welche technischen Fähigkeiten zeigt jemand auf seinem Instrument? Kann jemand bereits besonders virtuos spielen? Gelingen Lagenwechsel spielend eine tricky Anstoßtechnik, ein perlender Anschlag, besonders gelungene Bogenführung. Eben alles, was zu diesen technischen Aspekten gehört. Ich frage mich: Ist das Gezeigte noch recht roh oder ist es schon gut ausgebildet? Was ist von dem, was im Vorspiel gezeigt wurde, schon besonders stark? Aber auch stelle ich mir die Frage: Wo hat jemand noch großes Entwicklungspotenzial? Meist notiere ich schnell in einem Balken, bei wie viel Prozent in etwa ich jemand sehe.
Kristin Thielemann: Wenn es kein Wettbewerb oder eine Prüfung ist, in der ich ohnehin Punkte für Teilbereiche vergeben muss und ich schreibe mir dann sehr schnell auf, nur mit Plus und Minuszeichen, wo ich in diesem Moment die große Stärke, aber auch das große Entwicklungspotenzial sehe. Mit dieser Notation in Balkendiagrammen habe ich einfach den Vorteil, dass ich im Nachhinein schnell einen sehr guten visuellen Überblick über das Gespielte bekomme.
Kristin Thielemann: Zweitens: Da kommt nämlich der Klang ins Spiel. Wie klingt jemand? Gibt es eine ganz besondere Premiumlautstärke oder einen Bereich, der noch wenig entwickelt ist? Wenn jemand besonders gut oder besonders schlecht klingt, frage ich mich immer, warum etwas so gut oder so wenig gut gelingt. Dann kann ich später im Gespräch darauf aufmerksam machen. Ich kann eine Stärke stärken und begründen, warum etwas gut klingt. Aber ich kann auch einen Tipp mitgeben, wie man den Klang noch weiterentwickeln kann.
Kristin Thielemann: Drittens: Musikalisches Spiel. Wir könnten uns fragen: Wird hier noch Ton an Ton gereiht oder ist eine Linie, eine Phrasierung erkennbar? Ist es vielleicht sogar berührend musikalisch gespielt? Gelingt das Zusammenspiel, falls es Mitspielende gibt, gerade Kinder und Jugendliche, die hier noch sehr roh und fast buchstabierend die Noten aneinanderreihen, haben oft trotzdem andere ganz tolle Stärken, die wir unbedingt sehen und würdigen sollten. Und ja, natürlich darf in einem Feedback benannt werden, wo genau da die Entwicklungsmöglichkeit im musikalischen Bereich liegt.
Kristin Thielemann: Aber dieser eine Teilbereich ist meiner Erfahrung kann sehr schnell überdecken, was bereits ansonsten sehr gut gelingt. Vielleicht hat jemand extrem viel Kraft und zeigt ganz tollen Willen, ein Stück über die Bühne zu bringen. Vielleicht hat jemand auch ganz besonderes Geschick im Fehlermanagement. Solche kleinen Schätze fallen dann aber oft gar nicht so auf, weil wir die ganze Zeit überdenken: "Oh nein, der ist aber echt noch ganz am Anfang jetzt!" Ich versuche gerade bei solchen ganz plakativen Auffälligkeiten in einem Beitrag immer ganz genau hinzuschauen, weil bei einem Parameter, der sehr stark ist, schnell die Gefahr besteht, dass etwas anderes überlagert wird. Vielleicht entgeht uns dann beim Hören eines virtuosen Spiels, dass der Klang noch wirklich flach ist oder eine Dynamik fehlt. Ein toller Ton lenkt von rhythmischen Schwächen ab oder durch das Hören eines Beitrags Marke "Intonationsarmageddon" fällt uns nicht auf, dass jemand sehr berührend musikalisch spielt. Gerade bei Beiträgen, die also vermeintlich deutlich sind und auf den ersten Blick sicher einfach zu jurieren, habe ich im Laufe der Zeit gelernt, dass ich noch ein wenig aufmerksamer als sonst zuhören muss, um mein eigenes Bild nicht durch die eine Sache verfälschen zu lassen, die alles andere überlagert. An dieser Stelle innerhalb der Parametervorstellung möchte ich noch einen kleinen, aber wichtigen Einschub machen. Es stellt sich nämlich immer wieder die Frage, ob es in die Bewertung mit einbezogen werden darf oder sollte, wenn jemand erst sehr kurze Zeit sein Instrument spielt oder ob jemand in seiner Altersklasse bei einem Wettbewerb noch sehr jung wirkt.
Kristin Thielemann: In aller Regel ist bei Wettbewerben und Musikprüfungen eine Stufe nun mal eine Stufe und eine Altersklasse, in der gespielt wird, ist nun mal eine Altersklasse, in der die Beurteilungskriterien für alle gleich sein sollten. Wenn ich da jemanden, bedingt durch meinen persönlichen Eindruck "ach je, der ist ja vielleicht noch viel kleiner als alle anderen", wenn ich demjenigen einen Vorteil zuspreche, dann benachteilige ich eigentlich alle anderen damit, von denen ich nicht weiß, mit welchen Handicaps oder Voraussetzungen sie gestartet sind. Das muss mir bewusst sein. Trotzdem finde ich es natürlich eine interessante Information, wenn es sich im Feedbackgespräch herausstellt, dass jemand schon nach kurzer Zeit so eine tolle Leistung zu bringen imstande ist. Ich finde es aber extrem wichtig, den Teilnehmenden zu sagen, dass diese Info natürlich nicht in eine Jurierung mit einfließen darf. Wir halten uns an das Juryreglement, das Altersklassen und das Stufen vorsieht. Trotzdem äußere ich sehr gerne, dass ich natürlich unglaublich beeindruckt bin, dass sich jemand so schnell entwickelt hat, dass so eine Leistung wie diese hier, die heute gelungen ist, gezeigt werden konnte. Manchmal füge ich dann noch an, dass ich schon echt gespannt bin, ob wir die Jury oder die Expertinnen und Experten beim nächsten Mal, wenn wir diesen jungen Menschen hören, nochmal so eine tolle Entwicklung zu hören bekommen. Apropos jemanden nochmal hören dürfen: Meine Erfahrung ist, dass es ein Geschenk sein kann, wenn man als Jury, so dass die Lehrkräfte und die Teilnehmenden wünschen, mehrere Jahre in Folge Feedback gibt.
Kristin Thielemann: Vorteil: Man kann jemand länger begleiten, weiß ein bisschen besser, wie das Gegenüber und auch die Lehrkraft tickt und kann durch dieses Wissen das Feedback noch punktgenauer und wirksamer geben. Vorteil wenn eine Jury wechselt: Wenn Feedbacks nicht so gut gegeben oder verstanden wurden, besteht die Chance, jemand anderen auszuprobieren und nochmal eine neue Sichtweise hinzuzugewinnen. So, das war der Einschub und jetzt geht's weiter mit den Parametern.
Kristin Thielemann: Weiterer Punkt: Rhythmische Fähigkeiten. Wir sind bei viertens, der Rhythmus. Wurde der Rhythmus gut erfasst und wird er auch präzise durchgehalten? Auch an schweren Stellen haben wir beim Zuhören den Eindruck, dass die Musik schon so groovt, so wie sie es verträgt. Oder wird der Rhythmus belanglos heruntergespielt und ihm fehlt noch die nötige Schärfe? Wenn ein Rhythmus noch nicht auf 100 % ist, ist es außerdem wichtig, sich zu fragen: Liegt es daran, dass das Kind nicht wahrnimmt, dass der Rhythmus noch Potenzial hat? Also sind es musikalische Gründe? Oder sind es vielleicht technische Gründe, dass jemand den Rhythmus noch nicht so perfekt ausführen kann? Hindern die noch zu geringen technischen Grundlagen auf dem Instrument daran wirklich präzise spielen zu können. Denn wenn jemand noch nicht wahrnimmt, dass beim Rhythmus noch was zu holen ist, kann ich einen anderen Tipp geben, als wenn jemand die technische Komponente noch nicht im Griff hat und deshalb den Rhythmus noch nicht gut genug rüberbringt.
Kristin Thielemann: Wo ich dem "Nichthörer" den Tipp mitgebe, am Rhythmus zu feilen, in dem verschiedene Aufnahmen angehört und miteinander verglichen werden oder zu einer tollen Aufnahme hinzugespielt werden könnte, ist derjenige mit geringen technischen Grundlagen besser beraten, wenn ich einen Technik-Tipp mit auf den Weg gebe, wie das Instrument leichter beherrscht werden kann und damit auch das Spiel des exakten Rhythmus dann einfacher wird. Ohnehin ist es immer wichtig, nicht nur festzustellen, dass etwas noch Potenzial hat, sondern einen Weg aufzuzeigen, wie es weitergehen kann. Aber zum Weg aufzeigen mit dem Feedback da kommt gleich noch was. Passte nur an dieser Stelle gerade so schön.
Kristin Thielemann: Gehen wir noch weiter zu Punkt 5: Dynamik und Artikulation. Hört jemand intuitiv, wenn etwas nicht besonders gut stimmt oder weiß er oder sie sich zu helfen, korrigiert vielleicht sogar schon aktiv. Aus der Forschung wissen wir, dass das Hören das ist, was bei Aufregung schnell in den Hintergrund rutschen kann. Wenn sich eine vorübergehende, leichte Intonationsschwäche also zu diesem berühmten Intonationsarmageddon auswächst, sollten wir unbedingt herausfinden, warum das so ist. Hört jemand das wirklich noch nicht? Können wir da als Jury vielleicht einen hilfreichen Tipp geben, wie es auf der Bühne leichter wird, um besser zu hören und sich schneller anzupassen? Oder ist jemand so aufgeregt, dass er oder sie es nicht oder nicht mehr hören kann? Dann könnten Tipps zum Thema Auftrittskompetenz und oder Mentaltraining helfen, damit sich unser junges Gegenüber besser beruhigen und mehr von seiner Leistung zeigen kann.
Kristin Thielemann: Auch ein Tipp zum Einstimmen oder Nachstimmen darf es gerne geben, aber diesen würde ich immer versuchen vorwurfsfrei zu formulieren. Nicht: "Die Intonation war einfach nicht gut und ist im Verlauf immer schlechter geworden!" sondern in die Richtung: "Nimm dir grad am Anfang etwas mehr Zeit, um sauber einzustimmen, bis du dich wirklich wohl fühlst. Es gibt keinen Sonderpreis für das schnellste Einstimmen. Du könntest dir auch einige Signaltöne in den Noten markieren, bei denen du wirklich gut herausfinden kannst, ob du zu hoch oder zu tief bist, weil dort vielleicht die Klavierbegleitung den gleichen Ton hat wie du. Dieses Nachstimmen könntest du sogar bei den Proben mit der Klavierbegleitung trainieren!" Und dann gibt es sicher noch ein paar instrumentenspezifische Tipps, wie das aussehen kann. Dann ist man weg vom Vorwurf. Dann sind wir da, wo wir hinwollen, nämlich beim zukunftsgerichteten Feedback, so wie es besser laufen könnte. Dann verlässt ein junger Mensch unseren Feedbackraum und hat ganz konkrete Ideen, wo er sich weiterentwickeln kann und wie genau er das anstellen kann. Was man noch bei seinen Parametern aufschreiben könnte. Ich hatte euch acht Punkte versprochen.
Kristin Thielemann: Wir sind jetzt bei Nummer sieben. Das Zusammenspiel, so es denn einen Scarpe, gelingt das bereits ganz gut. Nimmt das Kind oder der Jugendliche die Begleitung noch als "Add on" zu seinem Spiel wahr oder entwickelt sich da schon eine musikalische Interaktion?
Kristin Thielemann: Punkt acht ist das Fehlermanagement und die Bühnenkompetenz in meiner Liste. Das ist mehr eine Sache, die ich bei jüngeren Teilnehmern versuche wahrzunehmen und in gute Tipps zu verwandeln.
Kristin Thielemann: Natürlich sind zu viele Fehler auf der Bühne nicht hilfreich, Aber ich bemerke es positiv. Wenn es jemandem gelingt, einen kleinen Stolperer auf der Bühne gut zu managen. Denn das wollen wir doch im späteren Leben ja auch von unseren Mitmenschen. Und das brauchen wir auch auf jeder Bühne der Welt so dringend, wenn etwas nicht fehlerfrei abgeliefert wird, eine Haltung zu entwickeln, mit einem Fehler gut umzugehen und ihn kompetent zu managen. Ob ich darauf hinweise, dass da jemand gute Fähigkeiten entwickelt hat, hängt ein bisschen davon ab, was es sonst noch Wichtiges zu sagen gibt. Im Zweifel lasse ich das lieber zugunsten echter Fachtipps weg. Das waren diese acht Punkte, von denen ich nicht immer alle aufschreibe mangels Zeit, aber doch meistens viele, weil mir das schnell auch optisch einen guten Überblick gibt, ohne dass ich bei der Vorbereitung aufs Jurygespräch allzu viel lesen muss. Oft gibt es aber auch Raster oder eine Matrix, in die man etwas hineinschreiben kann und die dabei helfen sollen, schnell eine gute Übersicht der Fähigkeiten zu bekommen. Hier muss jede Lehrkraft für sich selbst die passende Art finden. Das ist meine Meinung. Wichtig ist mir nur schnell und effektiv muss man notieren können, um dann bei den Feedbackgesprächen sofort parat zu sein. Denn darauf hat man selten lange Zeit, sich vorzubereiten. Und wenn man beim Feedback geben die ganze Zeit auf seine Notizen starren muss, statt ins Gesicht des jungen Gegenübers zu strahlen, dann verschenkt man extrem viel.
Kristin Thielemann: Ein Feedback kommt viel ehrlicher und echter rüber, wenn ich eben nicht Wort für Wort vorlese, was ich mir da alles notiert habe, sondern wenn ich in der Lage bin, es anhand meiner Aufzeichnungen und hier meine ich wirklich das Zeichnen und Notizen in Worte zu legen, die mein Gegenüber abholen. So, und jetzt noch ein Don't für euch: was ich in Feedbacks vermeiden würde, ist ein Sezieren des Gehörten, das Stück Takt für Takt durchzugehen. Das kann sehr kontraproduktiv werden, wenn nicht mehr das große Ganze gesehen wird. Und ich würde diese Takt für Takt Aufgabe dem Lehrer oder der Lehrerin des Kindes überlassen. Unser Geschenk als Jury, Experte oder Expertin besteht darin, durch den Blick von außen die Stärken zu benennen und dann aber auch zu zeigen, wo es Entwicklungspotenzial gibt. Wenn es uns dann gelingt, dieses Entwicklungspotenzial so anzusprechen, dass vor den Augen unseres Gegenübers ein Weg sichtbar wird, ist das extrem hilfreich. Dann sind wir nämlich beim Stichwort Feedforward, dem Feedback, was sich ganz konkret auf die nächsten Schritte richtet und was extrem motivierend wirkt. In der Pädagogik wurde diese Zukunftsperspektive unter anderem durch John Hattie und Helen Timperley (2007) in The Power of Feedback als Teil ihres Modells Feed Up – Feedback – Feed Forward bekannt gemacht. Und bei diesem zukunftsorientierten Feedback konnte in Metaanalysen und Reviews der letzten Jahre gezeigt werden, dass sich hierdurch ein viel größerer Lerneffekt einstellt als bei rein bewertendem Feedback.
Kristin Thielemann: Und jetzt sind wir bei dem, was ich vorhin angesprochen hatte Interpretation gefällt nicht.
Kristin Thielemann: Was nun? Wie könnten wir äußern, dass eine Interpretation, dynamische Gestaltung oder die Art der Artikulation uns persönlich nicht gefällt? Jetzt wird es noch heikler, denn wir müssen uns bewusst sein, dass Geschmäcker natürlich verschieden sind und das, was für den einen vielleicht komplett berührend oder natürlich gestaltet wirkt, für den anderen ein Sakrileg ist. "Wie kann man nur ein Mozart, Bach, Schumann, Piazzolla oder Popsong so spielen, wie du das getan hast?" Nein, das wollen wir nicht sagen! Erst einmal sind es bei Musikprüfungen und Wettbewerben häufig die gestalterischen Ideen der Lehrkräfte, die wir da als Jury zu hören bekommen. Je nach Alter bemerke ich einfach positiv, dass jemand Mut zur Gestaltung und zur Interpretation zeigt. Denn das wollen wir ja verstärken. Und ich merke es auch bei den Jüngeren selten an in einem Gespräch, wenn mir eine Interpretation nicht gefällt. Bei technisch ausgereiftem Spiel und Schülerinnen und Schülern, die kognitiv bereit dafür wirken, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es hilft, erst einmal nachzufragen, warum eine Interpretation so gewählt wurde. Dann kommen wir in Diskussion, Diskussion über Musik. Und dann kann ich von Musiker zu Musiker sagen und vor allem begründen, warum mir gewisse Traditionen beim Spiel auch wichtig sind. Was ich hier eher vermeiden würde, ist ein "Das spielt man halt so!" Ohne Begründung. Es gibt immer einen Grund dafür, dass man etwas so spielen kann oder eben auch anders. Dann entwickelt sich ein Dialog, ein gemeinsames Suchen, ein Verfeinern der Interpretation.
Kristin Thielemann: Dann gehen junge Menschen aus dem Feedbackgespräch und beginnen zu hinterfragen, warum sie eine bestimmte Interpretation wählen und was sie damit aussagen möchten. Dort möchte ich doch junge Musizierende sehen! Aber letztlich und hier kann ich nur für mich sprechen, würde ich eine konsequent durchgehaltene und schlüssige Interpretation, auch wenn sie mir persönlich nicht gefällt, eben nicht schlechter bewerten. Das gilt ist dann auch so rüberzubringen. "Ich habe gehört, wie du deine Interpretation so und so gewählt hast und dass du das konsequent so in deinem ganzen Stück umgesetzt hast. Diese Konsequenz – das hat mich begeistert, auch wenn ich es selbst anders gestalten würde. Vielleicht aus diesen oder jenen Gründen." Das ist ein faires Feedback, denn dann beanspruche ich nicht mit meiner eigenen Interpretation, dass sie der Nabel der Welt ist, die alleinige Wahrheit.
Kristin Thielemann: Verhalten als Lehrkraft. Ich hatte es ja vorhin schon anklingen lassen das Verhalten als Lehrkraft, wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler zu Wettbewerben begleiten. So eine Fremdwahrnehmung gesagt zu bekommen, kann wehtun. Aber wer wirklich Großes erreichen will, wird Fremdwahrnehmungen brauchen. Bringen wir doch einem solchen Feedbackgespräch in der Rolle als Lehrkraft eine entspannte Neugier entgegen, in der wir Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt bekommen. Natürlich ist es wichtig, über ein misslungenes Feedback in Dialog zu treten, denn auch Feedbackgebende sollten sich verbessern dürfen. Aber als Lehrkraft finde ich es wichtig, in einem Wettbewerbsfeedback, eine entspannte Neugier zu leben und dieses auch meinen Schülerinnen und Schülern gegenüber so zu artikulieren.
Kristin Thielemann: "Wollen wir mal schauen, ob was dabei ist, was uns beide auf unserem Weg weiterbringt!" Vielleicht so in dieser Art formuliert. Wir sollten mit den Schülerinnen und Schülern über das Gesagte in Dialog treten. Nur durch dieses Reflektieren kann sich was bewegen. Und diese Bewegung, diesen Move brauchen wir. Lateinisch movere Bewegung steckt im Wort Motivation. Es sollte aber immer die Würdigung und Wertschätzung der Leistung unseres Schülers, unserer Schülerin dabei herauskommen. Und ganz wichtig beim Feedback geben ist mir auch immer die Leistung der Lehrkraft, die mir da gegenüber sitzt, ebenfalls ganz genau so zu würdigen und wertzuschätzen wie die Leistung des Schülers oder der Schülerin. Und by the way tut es natürlich auch Eltern gut, wenn sie in einem Feedbackgespräch dabei sind und von einer Jury gesagt bekommen, dass das, was sie leisten, ganz wunderbar und wertvoll ist für ihr Kind.
Kristin Thielemann: Was tun, wenn ein Beitrag komplett misslingt? Was können wir im Jurygespräch tun, wenn ein Beitrag in einem Vorspiel komplett misslungen ist und es nun ein Feedback geben soll? Das Feedback geben unbedingt sofort an den nächsten Juror delegieren? Nein, Scherz! Das wäre auch eine Lösung. Aber an so einem heiklen Punkt sollte ein Juryteam sich wirklich gut absprechen, wer hier die richtigen Worte zu finden in der Lage ist. Bei den Feedbacks geht es ja auch häufig zu wie im Taubenschlag. Die Feedbacks folgen Schlag auf Schlag und man hat kaum Zeit zu überlegen. Bei diesen heiklen Gesprächen ist es mir aber wichtig, dass wir vorher als Juryteam als ExpertInnenteam einmal auf die Stopptaste drücken und sagen: "Bitte jetzt noch nicht den nächsten Kandidat, die nächste Kandidatin reinbringen!
Kristin Thielemann: Wir müssen uns einfach einmal ganz kurz intern abstimmen, was klug wäre, hier zu sagen und wie wir diesem jungen Menschen trotz oder gerade wegen einer misslungenen Leistung den nötigen Wind in die Segel pusten können." Aber was sage ich denn nun nach so einem komplett misslungenen Beitrag? Das kommt ein bisschen darauf an, welchen Eindruck ich von meinem Gegenüber habe. Ist jemand völlig am Boden zerstört, weil etwas nicht so gelungen ist, wie mein Gegenüber es sich gewünscht hat? Oder habe ich den Eindruck, dass nur die Jury bemerkt hat, dass das Gespielte nicht annähernd dem entspricht, was man erwarten darf? Ganz klar gilt es, junge Menschen in Jurygesprächen aufzufangen und aufzubauen, ihnen Wind in die Segel zu pusten. Gerade wenn jemand am Boden liegt, dann muss wirklich die volle Kunst des Feedbackgebens her. Dann nützt auch keine Sandwichtechnik, also das Misslungene zwischen zwei positiven Dingen einzubetten, wie eine Scheibe schlechten Belag zwischen zwei Sandwich Toastscheiben. Beispiel für eine misslungene Sandwichtechnik, die so bitte nicht stattfinden sollte: "Na, du hattest sie aber hübsche Stücke rausgesucht!" Das war die positive Toastscheibe. Jetzt kommt der faulige Belag: "Leider ist dein Beitrag aber komplett misslungen!" Und noch eine Scheibe Toastbrot obendrauf: "Aber dein Kleidchen war total hübsch!" Völlig respektlos, so ein Feedback. Das einzig Positive, was gesagt wurde, war etwas, auf das mein junges Gegenüber sehr wahrscheinlich keinen Einfluss hatte: Das Aussuchen der Stücke und das Kleidchen, das möglicherweise die Eltern für das Kind gewählt haben.
Kristin Thielemann: Bei solchen Gesprächen nutzt es in der Regel auch nichts, zum Trost alles schönzureden, was nicht schön war. Das durchschauen junge Menschen in der Regel sowieso sofort und fühlen sich dann nicht ernst genommen. In diesen Gesprächen sind wir bei Verständnis aber auch gleichzeitig dabei, zu zeigen, dass so ein Stolpern keine Katastrophe sein muss. Vielleicht fällt uns spontan eine kleine Geschichte ein, wie uns selbst einmal ein Beitrag misslungen ist. Das passiert, Das kann passieren, das darf auch passieren. Aber wichtig ist, etwas aus dieser Erfahrung zu machen. Denn vor allem diese Erfahrungen können sehr, sehr wichtig sein im Leben. Es geht darum, jungen Menschen klar zu machen, dass eine Leistung, die heute gezeigt wurde, sich wandeln kann, wenn man bereit ist, wieder aufzustehen und weiterzumachen, sich neue Wege zu suchen. Genau das kann ein Feedback so wertvoll machen. Es eröffnet Perspektiven, was noch möglich ist. Kinder lernen so, ihre heutige Leistung nicht als Endpunkt zu sehen, sondern als Ausgangspunkt für Wachstum und für neue Chancen. Dabei stärken wir dieses Growth Mindset ein Wachstums-Mindset, die Überzeugung, dass sich auch musikalisches Talent entwickeln lässt. Und wir wirken der Vorstellung eines Fixed mindset entgegen, wonach Talent als etwas Starres und Unveränderliches wahrgenommen wird. In einem solchen Gespräch nach einer wirklichen Beitragskatastrophe können kurze, knackige Sätze Wunder wirken. Vielleicht so was wie das hier:
Kristin Thielemann: "Ein wirklicher Gewinner ist, wer jetzt aufsteht und weitermacht. Und ich weiß, dass du jemand bist, in dem echt was Besonderes drinsteckt. Und dieses Besondere, das möchte ich von dir wieder erleben, hier bei diesem Wettbewerb oder bei dieser Prüfung. Denn hier bist du genau richtig. Komm wieder, ich bin dein Fan!" Was mich nun interessieren würde: Was sind eure Situationen, in denen ihr ein Feedback als besonders gelungen erlebt habt? Aber auch: Was sind die Feedbacks gewesen, die wirklich nach hinten losgegangen sind? Wenn ihr für beide Situationen etwas gefunden habt, dann fragt euch doch mal, warum das eine also positiv und das andere so negativ erlebt wurde. Was können wir daraus lernen? Und zwar nicht nur für uns? Und wie können wir das, was wir für uns als positiv oder negativ herausgefunden haben, zum Nutzen aller machen, indem es uns gelingt, es so anzusprechen, dass es ohne Vorwürfe daherkommt und stattdessen gute Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Wenn wir übers Feedback geben sprechen, dann kommen wir nicht umhin, uns auch mit den Grundsätzen der Kommunikation zu beschäftigen. Für mich gehört da unbedingt das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun dazu. Das Sender Empfänger Modell vom bereits erwähnten Paul Watzlawick und die Grundsätze der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Aber das könnten gute Stichworte für eine Fortbildung oder für eine weitere Podcastfolge sein. Ich danke euch, dass ihr bis hierhin gehört habt und ich würde mich freuen, wenn wir über das Gehörte in Austausch kommen. Eure Kristin Thielemann.
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